Trauerrede für die Mutter
Eine Tochter spricht über ihre Mutter, ohne religiösen Bezug. ca. 4 Minuten.
Liebe Familie, liebe Freundinnen und Freunde meiner Mutter, liebe Nachbarn aus der Lindenstraße,
ich danke Ihnen, dass Sie heute hier sind. Meine Mutter hätte gesagt, dass so viel Aufwand doch nicht nötig gewesen wäre. Und dann hätte sie heimlich gezählt, wer alles gekommen ist, und sich darüber gefreut.
Renate Brandt wurde im März 1949 in Göttingen geboren, als zweites von drei Kindern eines Busfahrers und einer Näherin. Sie machte eine Lehre als Industriekauffrau in einer Papierfabrik, und auf einem Betriebsausflug an die Weser lernte sie meinen Vater kennen. 1972 haben die beiden geheiratet, 1975 kam mein Bruder Thomas, 1978 kam ich. Als wir in die Schule kamen, fing sie im Sekretariat der Grundschule in Northeim an. Achtundzwanzig Jahre lang hat sie dort Pflaster verteilt, Elternbriefe getippt und Kinder getröstet, die ihren Turnbeutel vergessen hatten. Viele von Ihnen kennen sie genau von diesem Schreibtisch.
Wer an meine Mutter denkt, denkt wahrscheinlich an ihre Küche. Auf dem Tisch stand immer die braune Kaffeekanne mit dem abgeschlagenen Deckelknauf, die sie nie ersetzen wollte. Wer klingelte, bekam eine Tasse, ob er wollte oder nicht. Sie hörte zu, ohne gleich Ratschläge zu geben, und wenn man fertig war, sagte sie ihren Satz: „Das kriegen wir schon hin.“ Nicht „du“, sondern „wir“. Das war ihr wichtig. Sie hat nie jemanden mit einem Problem allein gelassen.
Sie konnte auch streng sein, das gehört zur Wahrheit. Hausaufgaben wurden vor dem Abendessen gemacht, und wer im Garten Unkraut mit Blumen verwechselte, durfte das Beet noch einmal machen. Ihr Garten war ihr Stolz: die Dahlien am Zaun, die sie jeden Herbst ausgrub und in Zeitungspapier gewickelt in den Keller trug, und die Johannisbeeren, aus denen sie Gelee kochte, bis kein Glas im Haus mehr frei war.
Eine Erinnerung möchte ich mit Ihnen teilen. Als ich sechzehn war, hatte ich meinen ersten großen Liebeskummer und habe drei Tage lang kaum geredet. Am vierten Abend stand meine Mutter mit zwei Fahrrädern vor der Tür und sagte nur: „Komm.“ Wir sind bis zum Badesee gefahren, haben auf dem Steg gesessen und Butterbrote gegessen. Sie hat nichts gefragt. Auf dem Rückweg sagte sie: „Das kriegen wir schon hin.“ An diesem Abend habe ich verstanden, was Trost ist.
In den letzten zwei Jahren wurde sie schwächer. Dass sie bis zum Schluss zu Hause bleiben konnte, verdanken wir vielen Menschen. Ich danke dem Pflegedienst, besonders Frau Kowalski, die jeden Morgen mit einem Lächeln kam. Ich danke Frau Dr. Heider für ihre Geduld. Und ich danke den Nachbarn, die Suppe vorbeigebracht und den Rasen gemäht haben, ohne dass jemand darum bitten musste.
Mama, du hast uns gezeigt, wie man für andere da ist, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Die Kaffeekanne steht jetzt bei mir. Ich werde sie nicht ersetzen. Und wenn bei mir jemand mit Kummer klingelt, dann weiß ich, was ich sage.
Danke für alles. Wir vermissen dich.
